Burgunder an der Nahe

Stilkarte der Weißburgunder von Emrich-Schönleber, Dönnhoff, Jakob Schneider und Dr. Crusius

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Die Nahe ist Rieslingland. Daran gibt es nichts zu rütteln, und das gilt für Deutschland insgesamt. Als der neue Chef der ProWein in Düsseldorf kürzlich in einem Podcast nach deutschen Winzern gefragt wurde, fiel genau ein Name: Dönnhoff. Fast die Hälfte aller Riesling-Reben der Welt steht in Deutschland, knapp ein Viertel unserer Rebfläche ist mit Riesling bestockt. An der Nahe ist es sogar etwas mehr: Von rund 4.250 Hektar trägt knapp ein Drittel Riesling.

Allerdings, ja allerdings: Während sich der Rieslinganteil über die Jahrzehnte erstaunlich wenig bewegt hat, haben sich die hellen Burgundersorten vervielfacht. Vor allem Grauburgunder und Weißburgunder sind an der Nahe heute stark vertreten. Rot und weiß zusammengenommen kommen die Burgundersorten inzwischen auf fast so viel Fläche wie der Riesling. Chardonnay taucht, wohl auch wegen des Klimawandels, immer häufiger auf, wenn auch noch auf niedrigem Niveau. Und Auxerrois gibt es zwar, aber er bleibt eine Rarität.

Höchste Zeit also, sich die weißen Burgunder der Nahe einmal genauer anzuschauen.

Warum nicht einfach beim Spätburgunder anfangen?

Klar, ich könnte es machen wie manche Weinexperten und schauen, wer an der Nahe gute Spätburgunder keltert. Eine alte Regel sagt schließlich: Wer gute Spätburgunder macht, kann auch gute Weißweine aus Burgunderreben. An der Nahe finde ich das schwierig. Mir fallen durchaus einige Winzer mit hervorragenden Rotweinen ein, aber ich würde die Auswahl damit zu sehr einengen. Was für Rotweintrinker passt, reicht für einen echten Überblick über die weißen Burgunder bei Weitem nicht aus.

Eine Landkarte für weiße Burgunder

Ich arbeite gerne mit Daten, auch beruflich. Und Wein liefert davon eine Menge: Rebsorte, Alkohol, Restzucker, Säure, Boden, Ausbau in Stahl oder Holz und einiges mehr. Daraus lässt sich eine Art Landkarte bauen. Für die Nahe sieht sie, nach typischen Weintypen sortiert, ungefähr so aus:

Typische Burgunder-Weintypen der Nahe, mit drei Burgund-Weinen als Orientierung. Die Punktgröße zeigt, wie stark das Holz mitspielt.
Typische Burgunder-Weintypen der Nahe, mit drei Burgund-Weinen als Orientierung. Die Punktgröße zeigt, wie stark das Holz mitspielt.

Die Analyse und die Grafik habe ich einer KI überlassen, Claude von Anthropic. Mit diesem ersten Wurf war ich durchaus zufrieden. Denn ob Sie es mir glauben oder nicht: An der Nahe wird erstklassiger weißer Burgunder gemacht, der sich mit dem viel größeren und berühmteren Burgund messen kann. Deshalb habe ich die bekannten französischen Weine als Orientierungspunkte mit einzeichnen lassen.

Die Karte hat zwei Achsen:

  • Senkrecht geht es vom Gutswein hinauf zu Lagenwein und Réserve, also im Grunde um die Ambition eines Weins. Diese Stufung ist in Deutschland inzwischen üblich, und im Burgund entspricht sie dem Weg von der Régionale über die Village-Appellation bis zum Premier und Grand Cru.
  • Waagerecht geht es vom straffen, kühlen, mineralischen Stil hin zum reifen, cremigen, opulenten. Grob bildet diese Achse auch den Keller ab: links der eher reduktive Ausbau im Stahltank mit wenig Sauerstoffkontakt, rechts der Ausbau im Holzfass mit mehr Sauerstoff und oft mit biologischem Säureabbau (Malo), der die Säure weicher und den Wein cremiger macht.

Schon diese erste Karte zeigt: Das meiste spielt sich in der Mitte ab. Spannend wird es, wenn man echte Weine einzeichnet.

Windesheim: Kauer und Marx

Bittet man Claude, das Spiel mit zwei Winzern aus Windesheim zu machen, sieht das so aus. Ich hoffe, Markus Kauer und Victoria Marx sind damit einverstanden:

Die Weißburgunder-Linien der Gebrüder Kauer und des Weinguts Marx, jeweils vom Gutswein bis zur Réserve.
Die Weißburgunder-Linien der Gebrüder Kauer und des Weinguts Marx, jeweils vom Gutswein bis zur Réserve.

Natürlich habe ich bei Euch probiert, und an einen langen Vormittag bei Markus Kauer erinnere ich mich besonders gern. Die Einordnung der Weine hat Claude aber allein anhand Eurer Beschreibungen auf den Websites und der im Netz verfügbaren Werte vorgenommen. Und ich finde, das passt erstaunlich gut.

Beide Betriebe bewegen sich parallel durch die Mitte der Karte, vom Niveau eines Bourgogne Blanc bis in die Gegend zwischen Puligny und Meursault. Marx liegt dabei auf jeder Stufe ein Stück weiter rechts, also reifer und weicher. Bei Marx lässt sich das sogar an den Zahlen ablesen: Die Säure sinkt vom Gutswein (5,7 g/l) über den -S- (5,5 g/l) bis zum spontan vergorenen -R- (4,7 g/l). Besonders reizvoll finde ich, dass beide Weingüter Weißburgunder aus dem Windesheimer Rosenberg haben, also von denselben leichten, tiefgründigen Sandböden aus dem einstigen Tertiärmeer. Trotzdem liegen die Weine sichtbar auseinander. Die Handschrift des Winzers wiegt eben oft schwerer als der Ort.

Mittlere und obere Nahe: vier Spitzenbetriebe

Nur war Claude unzufrieden damit, dass meine Übersicht nur Windesheim zeigte. Die mittlere Nahe fehle. Warum also nicht? Was Rebecca Crusius, Jakob Schneider, Cornelius Dönnhoff und Frank Schönleber machen, kenne ich ganz gut. Die Herren hätte ich spontan eher weiter links eingeordnet. Schauen wir also, was dabei herauskommt, und seien wir nicht zu streng mit Claude: Er hat sich die Informationen selbst zusammengesucht.

Die Weißburgunder von Emrich-Schönleber, Dönnhoff, Jakob Schneider und Dr. Crusius im Vergleich mit dem Burgund.
Die Weißburgunder von Emrich-Schönleber, Dönnhoff, Jakob Schneider und Dr. Crusius im Vergleich mit dem Burgund.

Drei Qualitätsstufen beim Weißburgunder gibt es in dieser Runde nur bei Crusius. Schneider, Dönnhoff und Schönleber haben jeweils zwei, deshalb sind ihre Linien kürzer.

Emrich-Schönleber (Monzingen): die kühlste Linie

  • Gutswein: Er stammt von Lehm und rotem Schiefer rund um Monzingen und wird je zur Hälfte im Edelstahltank und im großen Holzfass ausgebaut. Das ergibt einen kraftvollen und zugleich fein-mineralischen Wein. Für einen Gutswein steht er recht hoch auf der Karte, weil Schönleber schon in der Basis mit Lagenanspruch arbeitet.
  • Weißburgunder -S-: Eine Selektion aus dem Frühlingsplätzchen auf rotem Tonschiefer und Quarz, rund 18,50 €. Der 2024er hat 13,0 % vol, nur 1,3 g/l Restzucker und 6,5 g/l Säure. Ausgebaut wird er im großen Holzfass, 2024 erstmals im kleineren Doppelstück. Das Holz soll dabei keine Aromen liefern, sondern über den leichten Sauerstoffkontakt Textur geben. Duftig, salzig und druckvoll, mit Lindenblüte, weißem Pfirsich und steinigen Noten. Unter den Nahe-Weinen kommt er dem Chablis Premier Cru am nächsten.

Yes! Im Frühjahr habe ich Werner Schönleber gesagt, sein Wein sei wie eine Skulptur. Seine Antwort: Das Flauschige möge er nicht so. Ob ich ihn absolut genau so einsortieren würde, weiß ich nicht. Relativ zu den anderen stimmt es aber.

Dönnhoff (Oberhausen)

  • Gutswein: Er wächst an den Hängen der mittleren Nahe auf verwittertem Porphyr und Lösslehm, reift sechs Monate in gebrauchten Stück- und Doppelstückfässern aus heimischer Eiche und hat 12 % vol bei 6,1 g/l Säure. Das gebrauchte Holz gibt Struktur und Schmelz, ohne die Frische zu überdecken. Das Weingut selbst spricht von kühler Spannung, feiner Frucht und viel Klarheit.
  • Weißburgunder -S-: Eine Selektion aus dem Felsenberg (Oberhausen) und dem Hinkelstein (Bad Kreuznach), dort von steinigen Stellen mit höherem Lehmanteil. Er wird in neuen Stückfässern aus Pfälzer Eiche vergoren und reift rund acht Monate auf der Hefe, bei 13 % vol und 24,90 €. Das neue Holz gibt ihm Rückgrat und Kraft und rückt ihn nach rechts. Weil ein Stückfass mit 1.200 Litern aber weit weniger Holzaroma abgibt als eine Barrique, bleibt er zwischen Puligny und Chassagne. Mit der Reife dürfte er eher wieder nach links wandern.

Auch der -S- ist ein Treffer: etwas mehr Holz als bei Frank Schönleber und einfach wunderschön. Man muss bei Dönnhoff wirklich nicht immer Riesling kaufen!

Jakob Schneider (Niederhausen)

  • Gutswein: Der 2025er Weissburgunder trocken kostet 8,50 € und hat 12,5 % vol. Die Weinkarte beschreibt ihn als frisch, saftig und fruchtig-elegant, mit animierendem Trinkfluss. Damit liegt er auf der frischen Seite, ist aber etwas fruchtbetonter als die Gutsweine von Schönleber und Dönnhoff.
  • Weißburgunder Réserve: Der 2024er kostet 19,50 € und hat 13,0 % vol. Beschrieben wird er mit reifer Birne und einem Hauch Vanille aus dezenter Holzreife, cremig und ausgewogen, mit feiner Würze. Er steht knapp über dem Dönnhoff -S-. Weil das Holz zurückhaltend ist und 2024 ein eher kühles Jahr war, liegt er deutlich links von stärker holzgeprägten Réserve-Weinen. Die Angaben der Weinkarte sind knapp und enthalten keine Säurewerte, die Position ist hier also etwas unsicherer.

Irgendwie ist es schon unheimlich, wie nah eine KI an die eigenen Eindrücke herankommt. Und noch einmal: Bevor man zum teuren Puligny Premier Cru greift, sollte man es mit Schneider und Dönnhoff versuchen. Beide sind an dieser Stelle einfach klasse und verdienen mehr als nur eine Chance.

Dr. Crusius (Traisen): der weiteste Bogen

  • Weißburgunder & Auxerrois: Die 2025er Cuvée kostet 11,90 €. Sie reift in Edelstahl und jungem Eichenholz, das sich nur dezent im Abgang zeigt. Das Weingut beschreibt sie als betont säuremild, aber kräftig im Geschmack, wobei der Auxerrois die gehaltvolle Art beisteuert. Die Böden sind sandiger und steinig-grusiger Lehm mit Gehängeschutt des Porphyrs. Bei einer Trinkreife von bis zu drei Jahren ist es ein gehobener Gutswein, stilistisch in Richtung Mâconnais.
  • Weißburgunder Kaffel: Falstaff beschreibt den 2024er als vollmundig und saftig, mit lebendiger, straffer Säure, vier Monate im Holzfass ausgebaut, 13 % vol. Inzwischen ist der 2025er für 18,00 € im Shop. Er liegt links von der Cuvée, weil die Säure hier deutlich stärker trägt als beim säuremilden Auxerrois-Verschnitt.
  • RC: Der 2023er aus Weißburgunder und Chardonnay kostet 23,00 €. Er zeigt dezentes Holz, pfeffrige Terroirnoten, viel Substanz und gut eingebundene Säure, bei 12,5 % vol. Er ist der Wein mit dem deutlichsten Holz in dieser Runde und der einzige, der Richtung Meursault zielt.

Auch hier kann ich nur zustimmen, und ich hoffe, dass ich Euch mit meinen und Claudes Einschätzungen nicht zu nahe getreten bin. Es ist einfach eine Freude, weiße Burgunder von der Nahe zu genießen!

Was die Karte verrät

Das Gesamtbild ist bemerkenswert klar. Die Spitzen-Weißburgunder der Nahe besetzen den Raum zwischen Chablis Premier Cru und Puligny-Montrachet, also die elegante, mineralische Seite des Burgunds. Je weiter man flussaufwärts kommt, desto kühler wird der Stil: Monzingen liegt links, Niederhausen und Oberhausen in der Mitte, Traisen am weitesten rechts. Crusius ist der einzige Betrieb, der Richtung Meursault zielt. Absicht? Egal, auch diese Weine schmecken klasse!

Und noch etwas fällt auf, wenn man alle Karten nebeneinanderlegt: Die Betriebe auf den kargen Vulkan- und Schieferböden der mittleren und oberen Nahe sind tendenziell straffer und frischer, die Windesheimer Weine von den warmen Sandböden reifer und weicher. Mit sechs Betrieben ist das noch kein Beweis, aber eine These, der ich gerne weiter nachgehen werde.

Für alle, die Burgund lieben, heißt das ganz praktisch: Wer straffe, mineralische weiße Burgunder mit Spannung mag, findet an der Nahe hervorragende Weine, und das meist zu einem Bruchteil dessen, was ein vergleichbarer Premier Cru aus Frankreich kostet.

Wie die Karte entstanden ist

Ein paar ehrliche Hinweise gehören dazu. Viele der Weine habe ich selbst getrunken, aber nicht alle. Die Positionen hat Claude aus den Beschreibungen der Weingüter, aus Händlertexten und Verkostungsnotizen sowie aus den verfügbaren Analysewerten abgeleitet. Das ist keine Messung, sondern eine begründete Einordnung, und sie hängt am Jahrgang: Bei Crusius Kaffel stammen die Angaben vom 2024er, bei Schönleber gelten die Säure- und Zuckerwerte für den 2024er -S-. Ein warmer Jahrgang schiebt alles ein Stück nach rechts, ein paar Jahre Flaschenreife oft wieder nach links. Die Burgund-Punkte stehen für typische Appellationsstile, nicht für einzelne Weine.

Gerade deshalb fand ich das Ergebnis so verblüffend: Wo ich die Weine kenne, liegt die Karte erstaunlich nah an meinem eigenen Eindruck.

Und der Riesling?

Für den Riesling der vier Betriebe habe ich mir übrigens auch schon eine Karte bauen lassen. Dort spielt Holz kaum eine Rolle, dafür umso mehr der Boden: Schiefer oder Vulkangestein. Mehr dazu in einem der nächsten Beiträge.

Quellen